Die Laubenpieper von meinem lieben Freund Kalle


 

Ob Obst, Salat oder Gemüse,
ob Spargelbeet, ob grüne Wiese,
jeder liebt das eigne Feld
der entspannten Gartenwelt.

Im Liegestuhl, beim Kartenspiel
sind sie vereint in einem Ziel:
Mit Drang nach Licht und frischer Luft,
Geselligkeit beim Grillerduft
und kühlem Bier – so ist zu hören –
lässt sich die Lebenslust vermehren!


Seit der selige Arzt Daniel Gottlieb Schreber 1864 in Leipzig den ersten Kleingartenverein gründete, trat dieses Brauchtum seinen Siegeszug in die Welt an, erreichte Hagen und erfasste im ausgehenden 20. Jahrhundert dort auch Bekannte unseres ferneren Umfelds … und das ist auch gut so!

Diese mehr oder weniger großen Kolonien in oder in der Nähe von Städten sind eine beliebte Einrichtung mit äußerst sozialem Hintergrund, fördern sie doch die Geselligkeit, bieten Entspannung nach dem Arbeitsstress und schärfen den Bezug zur Natur, das Verständnis für Wachstum und Reife.
Diente ein Garten einst als hilfreicher Nahrungsmittellieferant, so hat sich daraus längst eine Hobby- und Freizeitbewegung entwickelt, die neben der reinen Entspannung auch Pflanzenpflege erfordert … sie müssen gewässert werden, was auf natürliche oder künstliche Art und Weise erfolgen kann.

Dem Regen steht die Siedlerfamilie allerdings zwiegespalten gegenüber: einerseits senkt er die Wasserrechnung, stört jedoch andererseits beim Freiluftvergnügen. Daher hat es sich der Schrebergärtner seit altersher zur Aufgabe gemacht, auf seiner “Scholle“ einen Unterschlupf mit bescheidenen Mitteln zu errichten.
Schon der Urberliner handelte nach dem Motto:
Wer Jott vertraut und Bretter klaut,
der hat ’ne billje Laube!

Dem modernen, Komfort verwöhnten Menschen reicht das aber längst nicht mehr und somit tritt der Nachfahre des Herrn Schreber mit seinen Siedlungsgenossen insgeheim in einen Wettstreit um den feinsten Garten und die edelste Hütte als “Villa im Grünen“, was in nicht geringem Maße zum Erhalt der Baumärkte beiträgt.
Damit das Ganze aber nicht ausufert, treten jetzt die Kolonialbeamten auf den Plan, um der Ordnung Geltung zu verschaffen. Gerade in Deutschland, dem Land der Schriften und Vorschriften, sind sie sehr aktiv:

Die Größe einer Laube unterliegt ebenso der Regel
wie die Höhe des Zaunes,
wie laut darf ein Rasenmäher den Schlaf des Nachbarn stören und
wann lässt sich nasses Laub am wirkungsvollsten verbrennen,
wie rechteckig muss ein Grundstück sein und
darf ein Holzhaus aus Stein erbaut werden usw.

In wie weit diese Regularien heute schon der EU-Norm entsprechen, ist noch zu klären. Sollten aber keine Übereinstimmungen bestehen, eröffnet sich hier ein weites Betätigungsfeld!

Nun unterscheidet man zwei Gruppen von Kleingärtnern: Während die einen in Altvätersitte Obst und Gemüse anbauen, sich mit Veredlung und Neuzüchtung beschäftigen wie hochstämmigen Erdbeeren gegen Rückenschmerzen oder Pflaumenbeete gegen Herabstürzen, pflegen andere mit Hingabe ihren grünen Rasenteppich. Sie rücken dem sattgelb blühenden Löwenzahn auf allen Vieren zu Leibe und mutieren dabei vom Laubenpieper zum Wiesenpieper. Bäume gelten da
weniger als Obst-, sondern mehr als Schattenspender.
Mit der Ökowelle schwappte aber noch eine dritte Kategorie in Welt der Kolonien: Der ökologische Naturfreund, bei dem nicht recht zu erkennen ist, ob nun Faulheit oder echte Naturfreude Anlass für das Urwüchsige seiner “Klitsche“ ist. Baumschnitt und Rasenmähen hält er daher für einen unberechtigten Eingriff in die Natur. Bei ihm stehen nicht selten Löwenzahnsalat und Brennnesseltee aus eigenem Anbau auf dem Speisezettel als Bratfleisch vom Grill.
Ableger seiner Wildkräuter treffen bei den Mitsiedlern nicht immer auf ungeteilte Freude. Daher fällt eine Abschiedsfeier aus dem Koloniebetrieb oftmals besonders herzlich aus. Achtung bei der Partnerwahl!

Der typische Laubenpieper liebt die Gemütlichkeit. Ein weißes Unterhemd spannt über dem Gewölbe des Bauches, Jogginghose bedeckt die strammen Waden und der gesamte Körper ruht in einem Liegestuhl. Das einzig Aufrechte ist die Bierflasche in seiner Hand, denn es wäre schade um jeden Tropfen. Von Zeit zu Zeit tut er einen lebenserhaltenden Atemzug und beobachtet das Wachstum der Natur. So erübrigt sich das Aufstellen eines Gartenzwerges.
Während der Erste seine ersten Früchte erntet und der Zweite bereits Marmelade daraus macht, widmet sich der Dritte weiterhin dem Betrachten des pflanzlichen Wachstums.
Man täte ihm aber Unrecht, würde man seine soziale Ader unerwähnt lassen. Denn in der Kleingartenbewegung hat das Miteinander und Füreinander grundlegende Bedeutung. Man hilft sich gegenseitig … oft mit Rat, aber auch mit Tat. Spätestens wenn erste Rauchzeichen aufsteigen ist das ein optisches Signal für die Nachbarn, sich am Grill einzufinden und beim Verzehr zu helfen. Es ist die Zeit zum Erfahrungsaustausch und der Geselligkeit …
und die wird ganz groß geschrieben!!!